Werkstoffauswahl
Praxishandbuch zur Werkstoffauswahl für die Zerspanung
12.9.2026, 09:208 views
Anwendungsszenarien, Kostenstruktur, Kombinationen der Nachbearbeitung und häufige Fehler bei gängigen Werkstoffen wie Aluminiumlegierungen, Edelstahl und technischen Kunststoffen, inklusive Checkliste zur Selbstprüfung vor dem Prototyping.
Der praxisnahe Entscheidungsrahmen für die Werkstoffauswahl
- Funktion zuerst: Harte Kriterien wie Festigkeit, Steifigkeit, Verschleißfestigkeit, Korrosionsbeständigkeit, Isolierung oder Wärmeleitfähigkeit werden zuerst festgelegt, um nicht durch Kosteneinsparungen entscheidende Leistungseigenschaften zu opfern.
- Präzision und Oberfläche: Hohe Passgenauigkeit, dünne Wandstärken, tiefe Kavitäten oder Spiegelanforderungen beeinflussen die Werkstoffwahl und den Weg der Nachbearbeitung erheblich.
- Stückzahl und Lieferzeit: Bei Einzelstück-Prototyping und Serienfertigung unterscheiden sich Materialverfügbarkeit, Werkzeugverschleiß und Spannweise stark.
- Kostenkalkulation: Nicht nur den Materialstückpreis betrachten, sondern auch Bearbeitungszeit, Werkzeugverbrauch, Ausschussquote und Nachbearbeitung mit einrechnen.
Die Kombinationslogik von Werkstoff und Nachbearbeitung
Häufige Fragen (FAQ)
Wie sollte man zwischen 6061- und 7075-Aluminiumlegierungen wählen?
6061 bietet ein ausgewogeneres Verhältnis von Zerspanbarkeit, Korrosionsbeständigkeit und Kosten und eignet sich für die meisten Strukturteile, Vorrichtungen und Gehäuse; 7075 hat eine höhere Festigkeit und eignet sich für stark beanspruchte, leichtbauende Teile, ist jedoch in Zerspanbarkeit und Korrosionsbeständigkeit relativ schwächer und teurer. Wenn kein eindeutiger Festigkeitsengpass besteht, ist 6061 zu bevorzugen.
In welchen Fällen sind Kunststoffteile geeigneter als Metallteile?
Wenn Teile Isolierung, Selbstschmierung, Beständigkeit gegen chemische Medien, Leichtbau oder niedrigere Serienkosten erfordern, sind technische Kunststoffe oft vorteilhafter. POM eignet sich für verschleißfeste Gleitteile, PEEK für Hochtemperatur- und Hochfestigkeitsanwendungen, ABS/PC für Sichtteile. Doch Steifigkeit, Temperaturbeständigkeit und Maßhaltigkeit von Kunststoffen sind meist geringer als bei Metall und müssen je nach Einsatzbedingungen abgewogen werden.
Wie beeinflusst die Werkstoffwahl die Bearbeitungskosten?
Der Materialstückpreis ist nur ein Teil der Kosten. Werkstoffe mit hoher Härte und Zähigkeit beschleunigen den Werkzeugverschleiß und senken die Zerspanungseffizienz; dünne Wandstärken oder komplexe Strukturen erhöhen zudem das Spann- und Ausschussrisiko. Bei der Auswahl sollten Materialkosten, Bearbeitungszeit, Werkzeugverbrauch und Nachbearbeitungskosten gemeinsam bewertet werden.
Verändert die Nachbearbeitung die kritischen Maße des Teils?
Ja. Oberflächenbehandlungen wie Eloxieren, Galvanisieren und Beschichten erhöhen oder verändern in der Regel die Oberflächenmaße; präzise Passflächen benötigen Aufmaß oder lokale Maskierung. Es wird empfohlen, kritische Toleranzen und Oberflächenanforderungen in der Zeichnung klar anzugeben und die Reihenfolge der Behandlung im Prozessablauf frühzeitig einzuplanen.
Wohin fließen die Materialkosten tatsächlich
- Materialstückpreis: Die Rohteilkosten von Aluminiumlegierungen und technischen Kunststoffen sind meist niedriger als bei Edelstahl und Titanlegierungen, doch bei dünnen Wandstärken oder großen Teilen ist mehr Aufmaß nötig, sodass der tatsächliche Materialeinsatz über dem Nettogewicht liegt.
- Bearbeitungszeit: Bei Werkstoffen mit hoher Härte und Zähigkeit sind die Schnittparameter konservativ, wodurch sowohl Schrupp- als auch Schlichtzeiten länger werden – dies ist die Hauptursache für Angebotsunterschiede.
- Werkzeuge und Verluste: Schwer zerspanbare Werkstoffe verschleißen Werkzeuge schneller; bei kleinen Stückzahlen fallen die auf das Einzelteil umgelegten Werkzeugkosten deutlicher aus.
- Nachbearbeitung und Logistik: Prozesse wie Eloxieren, Passivieren, Sandstrahlen und Wärmebehandlung erhöhen zusätzlich Durchlaufzeit und Kosten; standortübergreifende Zusammenarbeit bringt zudem Transport- und Wartezeiten mit sich.
- Ausschuss und Nacharbeit: Treten Probleme wie Verformung dünner Wandstärken, schlechter Späneabtransport in tiefen Kavitäten oder Kratzer auf Spiegeloberflächen auf, übersteigen die Nacharbeitskosten oft die Preisdifferenz des Materials selbst.
Häufige Kombinationen von Werkstoff und Nachbearbeitung
- 6061-Aluminiumlegierung + Eloxieren: vereint Leichtbau, Korrosionsbeständigkeit und Optik, geeignet für Gehäuse, Halterungen und Frontplatten.
- 7075-Aluminiumlegierung + Harteloxieren oder Beschichten: höhere Festigkeit, geeignet für tragende Strukturteile, jedoch relativ geringere Korrosionsbeständigkeit, sodass sich Investitionen in die Oberflächenbehandlung eher lohnen.
- Edelstahl + Passivieren oder Sandstrahlen: geeignet für feuchte, saubere oder lebensmittelberührende Umgebungen; Passivieren hilft, die durch Zerspanung zerstörte Passivschicht wiederherzustellen.
- Technische Kunststoffe + Entgraten oder Tempern: Kunststoffteile erhalten in der Regel keine metallartige Oberflächenbehandlung; der Schwerpunkt liegt auf der Kontrolle von Graten, Eigenspannungen und Maßhaltigkeit.
- Teile, die leitfähig oder wärmeableitend sein müssen: Isolierende Beschichtungen vermeiden und vorzugsweise Metallsubstrate mit leitfähiger Behandlung wählen.
Die häufigsten Fallstricke bei der Werkstoffauswahl
- Werkstoff nur nach Festigkeit wählen: Zähigkeit, Korrosionsbeständigkeit und Zerspanbarkeit werden ignoriert, sodass das Teil zwar gefertigt, aber nicht montiert werden kann oder eine kurze Lebensdauer hat.
- Die Werkstoffgüte als einziges Kriterium betrachten: Dieselbe Güte kann je nach Zustand (z. B. unterschiedliche Wärmebehandlung oder Lieferzustand) deutliche Leistungsunterschiede aufweisen; der Zustand sollte in der Zeichnung klar angegeben werden.
- Unterschätzung der Schwierigkeit von dünnwandigen und tiefen Kavitäten: Solche Strukturen stellen hohe Anforderungen an die Materialsteifigkeit und die Schnittstabilität; bereits bei der Materialauswahl muss das Verformungsrisiko berücksichtigt werden.
- Vertauschte Reihenfolge der Nachbearbeitung: Erst Schlichten, dann Wärmebehandlung kann durch Verformung zu Maßabweichungen führen; die Prozessreihenfolge muss bereits in der Fertigungsprüfungsphase festgelegt werden.
- Verfügbarkeit ignorieren: Nischenmaterialien oder Sondergrößen können sehr lange Lieferzeiten haben; die Lieferlage muss bereits in der Musterphase geklärt werden.
Checkliste zur Selbstprüfung vor dem Prototyping
- Sind die entscheidenden Funktionskennwerte bereits eindeutig festgelegt (Festigkeit, Korrosionsbeständigkeit, Isolierung, Wärmeleitfähigkeit, Verschleißfestigkeit usw.)?
- Sind in der Zeichnung Werkstoffgüte und Zustand angegeben und nicht nur "Aluminiumlegierung" oder "Edelstahl"?
- Gibt es Merkmale wie dünne Wände, tiefe Kavitäten oder Spiegeloberflächen, die empfindlich auf Material und Prozess reagieren?
- Sind die Anforderungen an die Nachbearbeitung mit dem Material kompatibel und ist die Prozessreihenfolge sinnvoll?
- Können Stückzahl und Liefertermin die Materialverfügbarkeit und die Bearbeitungsmethode beeinflussen?
Visuelle Referenz zur Materialauswahl


Key takeaways
- Wie wählt man zwischen 6061 und 7075?
- Wann sind Kunststoffteile vorteilhafter?
- Wie kombiniert man Werkstoff und Nachbearbeitung?
- Die Materialkosten sind nicht nur der Stückpreis – Arbeitszeit und Verluste sind entscheidender
- Auswahl-Selbstprüfpunkte, die vor dem Prototyping geklärt werden müssen